Sonntag, 31. Dezember 2006
im untergrund zu haus'
larsvegas_, 17:28h
der mensch ist ein gewohnheitstier, sagt man. wie überleben menschen den schrecken des krieges, kälte, hunger, dunkelheit, angst? wie banal, fast zynisch klingt dann: der mensch ist ein gewohnheitstier. aber ich kann das an mir selbst beobachten. alles begann vor 3 tagen, als ich aus dem ruhigen und beschaulichen hannover zurückkehrte (die hannoveraner ziehen sich weihnachten hinter ihre spitzengardienen zurück und wärmen sich an den elektrischen lichterketten ihrer christbäume), den bauch gestrafft vom gänsebein und rotkohl; ich verlasse den u-bahntunnel und entgehe nur knapp dem tod durch niedertrampeln als eine mit einkaufstrollis bewaffnete gruppe vermummter muttis zentimeter an mir vorbeirauscht. es ist ‚dhu l-hidschdscha’, der monat der pilgerfahrt nach mekka und glaubt man wikipedia einer der höchsten feiertage der muslime. das erfahre ich aber erst später. von der u-bahnstation bis in die sicherheit meiner eigenen 4 wände sind es keine 5 minuten fußweg. auf dieser kurzen strecke zucke ich so oft verängstigt zusammen, dass mir das zählen abhanden kommt, hinter jeden auto lauert ein potenzieller partisane, an die zähne bewaffnet mit böllern der klassen A-D. oder mit diesen kleinen fiesen heulern, die manchmal am ende ihrer quietschenden irrfahrt noch ein knall fahren lassen, manchmal nicht, so dass man immer auf den knall wartet, angespannt, ohne zu wissen, ob er tatsächlich kommt; nicht erfüllte erwartungen sind ja bekanntlich die schlimmsten. schweißgebadet komme ich zuhause an, etwas irritiert und verschreckt sowieso. angestrengt versuche ich mich an mein erstes und bisher letztes sylvesterfest in berlin zu erinnern, fahnde nach erfahrungswerten, die ich in verhaltensweisen oder vorsichtsmaßnahmen ummünzen könnte. rauschen. ich verlasse das haus also erstmal nicht. aber irgendwann muss ich einkaufen. sylvester steht vor der tür, es will diniert und wein verköstigt werden. an die bürgerkriegsklangkulisse hat man sich inzwischen gewöhnt, etwas abgedämpft durch die fensterscheiben, die den blick freigeben auf den schneematsch. ein indiz für die gewohnheitstierthese. die häuserreihen sind noch komplett, man wundert sich etwas. beim aufräumen meines schreibtisches finde ich eine packung chinaböller A. ganz aufgeregt rufe ich einen freund an, der mir versichert, dass sie noch funktionstüchtig seien. und an sprengkräft gewännen mit zunehmender lagerungsdauer. mit diesem selbstverteidigungspacket ausgerüstet traue ich mich in den straßenkampf. die wegstrecke zum supermarkt lege ich ohne größere zwichenfälle zurück, die angriffsszenen spielen sich in anderen straßenschluchten ab. im supermarkt stehen hamsterkäufe hoch im kurs, engpässe gibt es insbesondere bei den frischwaren. aber wer die folgenden tage das haus nicht mehr verlassen will, sollte eh auf haltbare waren setzen. die schlangen an den kassen verlaufen sich in der tiefe der gänge. ich sicher mir die letzten 10 tomaten, die aussehen wie schockgefroren – rot sollten tomaten doch eigentlich sein, oder? das überleben ist fürs erste gesichert, es sei denn ich sterbe doch noch durch herzinfarkt, wenn es jemand wagen sollte einen böller im 25 meter-umkreis von mir zu zünden. und wenn ich das überleben sollte, dann werden meine böller doch noch zum einsatz kommen. das schwarzpulver ist schließlich 15 jahre gereift.