Samstag, 20. Januar 2007
hart, ungerecht, gemein
das leben ist, wie wir alle wissen, hart, ungerecht und gemein. die einen haben mit dem winter, oder zumindest dem was diesen namen trägt, zu kämpfen, will heißen gegen dunkelheit, regen, sturm, missmut, miesepetrigkeit, überlaunigkeit, demotivation, fußballwinterpause, steigende pommespreise (weil die letzte kartoffelernte zu 50% ausgefallen ist) und zweitklassigen hopfen im bier (weil weltweit ein hopfenengpass aufgrund von ernteausfällen herrscht), die anderen hingegen weilen auf der sommerseite der erde und folglich des lebens, gehen surfen, baden, barbequen, schnorcheln, tauchen, lesen, relaxen, schlafen, trinken bier mit wahrscheinlich erstklassigem hopfen, essen pommes zu preisen deutlich unter weltmarktniveau, kurz: alles ist besser bei ihnen, sie sind die glücklichen, die auserwählten. wir sind die zurückgelassenen, die einsamen kämpfer an der winterfront, in einem winter, der kein winter ist.

heute auf der straße ist mir eine frau im t-shirt entgegen gekommen. till sagte nicht: die hat ja wohl den arsch offen, mitten im winter im t-shirt. nein, er sagte, boh, die hat mal so-was-von-keine-frauen-arme, die haben ja einen größeren umfang als meine! das sagt alles - ich glaube es sind 15°c. am donnerstag hat ein orkan den berliner hauptbahnhof attackiert und ihm ein paar ordentliche verluste zugefügt. die deutsche ingenieurskunst ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. ich glaube alles fing an mit homo faber, ein vater, der seine eigene tocher bumbst! eine solche nation kann einfach keine widerstandfähigen bahnhöfe bauen, die bis in alle ewigkeit überdauern. da wird kein archeologenteam in 2000 jahren kommen und im berliner urstromtal mal anfangen zu puddeln, mal schauen was wir so finden, und dann auf dieses bauwerk stoßen und sagen: ah, das muss eine high-tech zivilisation gewesen sein, schaut euch an, zu was die in der lage gewesen sind! ein haufen schrott werden sie finden und sich ratlos am kopf kratzen.

die mandelbaume blühen. leute sitzen draußen und trinken kaffee. warum gibt es dann noch immer winterdepressionen? und das beantwortet deine frage daniel, warum hier keiner reinschreibt. es scheinen alle damit beschäftigt zu sein zu kämpfen an der oben beschriebenen front, was soll man da berichten? heute schon wieder in hundescheiße gelatscht. man war das eine schmierige kacke. musste meine schuhe in die waschmaschine stecken. und dann nochmal leer laufen lassen? heute ist mir mein hut weggeflogen, windstärke 10 hatten sie gar nicht vorausgesagt. musste auf dem ölverschmierten asphalt rumkriechen um ihn unter einem auto hervorzukramen? hab heute verschlafen, als ich aufgestanden bin wars schon wieder dunkel, kein wunder dass ich so blaß bin?...aber das ist wirklich totaler mist! rafft euch mal auf, schwingt die feder, kotzt euch aus! lasst die auf der sonnenseite doch mal wissen wie schlecht es euch hier im grauen, hundescheißeverseuchten berlin es euch geht, und wenns nur darum geht ihnen das gefühl zu vermitteln: ihr verpasst überhaupt nichts hier, ihr habt alles richtig gemacht und müsst jede einzelne verschießene sekunde genießen und hoffen, dass die zeit ihre gesetztmäßigkeiten vergißt und plötzlich nur noch ganz langsam vergeht. wir hoffen derweil das gegenteil, damit die sonne wieder lange scheinen kann auf blütenlose bäume in einem sommer ohne blätter mit drittklassigem hopfen, astronomischen pommespreisen, dafür aber mit dir an unserer seite lieber daniel, was will man mehr? außer bier mit gutem hopfen, soviel anspruch haben wir dann doch.

larsinho

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Sonntag, 31. Dezember 2006
im untergrund zu haus'
der mensch ist ein gewohnheitstier, sagt man. wie überleben menschen den schrecken des krieges, kälte, hunger, dunkelheit, angst? wie banal, fast zynisch klingt dann: der mensch ist ein gewohnheitstier. aber ich kann das an mir selbst beobachten. alles begann vor 3 tagen, als ich aus dem ruhigen und beschaulichen hannover zurückkehrte (die hannoveraner ziehen sich weihnachten hinter ihre spitzengardienen zurück und wärmen sich an den elektrischen lichterketten ihrer christbäume), den bauch gestrafft vom gänsebein und rotkohl; ich verlasse den u-bahntunnel und entgehe nur knapp dem tod durch niedertrampeln als eine mit einkaufstrollis bewaffnete gruppe vermummter muttis zentimeter an mir vorbeirauscht. es ist ‚dhu l-hidschdscha’, der monat der pilgerfahrt nach mekka und glaubt man wikipedia einer der höchsten feiertage der muslime. das erfahre ich aber erst später. von der u-bahnstation bis in die sicherheit meiner eigenen 4 wände sind es keine 5 minuten fußweg. auf dieser kurzen strecke zucke ich so oft verängstigt zusammen, dass mir das zählen abhanden kommt, hinter jeden auto lauert ein potenzieller partisane, an die zähne bewaffnet mit böllern der klassen A-D. oder mit diesen kleinen fiesen heulern, die manchmal am ende ihrer quietschenden irrfahrt noch ein knall fahren lassen, manchmal nicht, so dass man immer auf den knall wartet, angespannt, ohne zu wissen, ob er tatsächlich kommt; nicht erfüllte erwartungen sind ja bekanntlich die schlimmsten. schweißgebadet komme ich zuhause an, etwas irritiert und verschreckt sowieso. angestrengt versuche ich mich an mein erstes und bisher letztes sylvesterfest in berlin zu erinnern, fahnde nach erfahrungswerten, die ich in verhaltensweisen oder vorsichtsmaßnahmen ummünzen könnte. rauschen. ich verlasse das haus also erstmal nicht. aber irgendwann muss ich einkaufen. sylvester steht vor der tür, es will diniert und wein verköstigt werden. an die bürgerkriegsklangkulisse hat man sich inzwischen gewöhnt, etwas abgedämpft durch die fensterscheiben, die den blick freigeben auf den schneematsch. ein indiz für die gewohnheitstierthese. die häuserreihen sind noch komplett, man wundert sich etwas. beim aufräumen meines schreibtisches finde ich eine packung chinaböller A. ganz aufgeregt rufe ich einen freund an, der mir versichert, dass sie noch funktionstüchtig seien. und an sprengkräft gewännen mit zunehmender lagerungsdauer. mit diesem selbstverteidigungspacket ausgerüstet traue ich mich in den straßenkampf. die wegstrecke zum supermarkt lege ich ohne größere zwichenfälle zurück, die angriffsszenen spielen sich in anderen straßenschluchten ab. im supermarkt stehen hamsterkäufe hoch im kurs, engpässe gibt es insbesondere bei den frischwaren. aber wer die folgenden tage das haus nicht mehr verlassen will, sollte eh auf haltbare waren setzen. die schlangen an den kassen verlaufen sich in der tiefe der gänge. ich sicher mir die letzten 10 tomaten, die aussehen wie schockgefroren – rot sollten tomaten doch eigentlich sein, oder? das überleben ist fürs erste gesichert, es sei denn ich sterbe doch noch durch herzinfarkt, wenn es jemand wagen sollte einen böller im 25 meter-umkreis von mir zu zünden. und wenn ich das überleben sollte, dann werden meine böller doch noch zum einsatz kommen. das schwarzpulver ist schließlich 15 jahre gereift.

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Donnerstag, 23. November 2006
Berlin, Neukölln.
Wozu in die Ferne schweifen, wenn das nächste Abenteuer doch direkt um die Ecke liegt...

Ich habe meinen Personalausweis verloren. (Waren da ein Samstagabend und Alkohol im Spiel?) Also zog ich los, um einen Neuen zu beantragen: Berlin, Bürgerbüro Rathaus Neukölln. Wie überall auf dem Amt, Nummer ziehen. Nummer 147. Und der freundliche Hinweis, dass noch 114 Leute vor mir dran sind.

Kaufe ich mir halt einen Kaffee, mache es mir im Wartesaal gemütlich und lese. Gemütlich? Lesen? Mindestens zehn Wartende scheinen an Tuberkulose oder üblem Katarrh zu leiden. Und so viele Taschentücher habe ich nicht bei mir, als dass ich allen, die in regelmäßigen Abständen ihren Rotz hochziehen, eins geben könnte. Ob ich hier gesund rauskomme? Und die Gerüche. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Der Körpergeruch oder die Parfümwolken. Billiges Parfüm wird nicht besser wenn man es literweise aufträgt.

Ich harre der Dinge und atme in meinen Kaffee. Nummer 109 ist dran. Ihr hört von mir. *s

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